(Februar 2008 – Mai 2009)
Nun war es also so weit, das 5. Semester meines Physik-Studiums an der FH-Isny neigte sich dem Ende und ich machte mich auf die Suche nach einer Stelle für mein erstes Praxissemester. Das war gar nicht so einfach, da ich schon ziemlich genaue Vorstellungen hatte, mit welchem Themengebiet ich mich beschäftigen wollte: Medizin, Optik und Laseranwendungen zu kombinieren war meine Zielvorstellung. Außerdem wollte ich ins Ausland – Pluspunkte für den Lebenslauf sammeln!
Nachdem ich bei der Laserphysik-Vorlesung Herrn Prof. Mrochen kennen lernte und dieser die Möglichkeit eines Forschungs-Praktikums in seinem Augeninstitut IROC in Zürich erwähnte, war mein Interesse geweckt. Augenheilkunde basierend auf optischen, physikalischen Prinzipien.
Die Zusage für das Praktikum bekam ich sehr schnell, blieb nur noch die anstrengende Wohnungssuche. Wer Zürich kennt, weiß welche Wohnungsknappheit dort herrscht und wie horrend hoch die Mietpreise sind. Letztendlich hatte ich aber wirklich Glück und bin bei einer sehr netten Familie untergekommen, die mich gleich ganz herzlich ins Familienleben aufgenommen hat.
Wenig später stand auch schon der erste Arbeitstag bevor. Gespannt auf das, was mich hier in den nächsten 6 Monaten erwartet, machte ich mich auf den Weg. Zuerst mit dem Rad zum Bahnhof, weiter mit der S-Bahn ins Zentrum und schließlich mit der Tram zum Institut. Die Anfahrt dauerte zwar eine gute Weile, aber dabei lernte ich auch die Gegend kennen. Außerdem - wie ich ziemlich schnell herausgefunden hatte – lagen jeden Morgen druckfrische, KOSTENLOSE Zeitungen aus. Damit konnte ich die Anfahrtszeit gut nützen.
Im Institut angekommen, wurde ich zunächst den Mitarbeitern vorgestellt und gleich darauf erklärte man mir die wichtigsten, verwendeten Geräte, Maschinen und Systeme. Von meinem Arbeitsplatz war ich zuerst etwas erstaunt: ein ganz normales Büro! Eigentlich hätte ich mir das mehr labormäßig vorgestellt. Aber wie sich später zeigte, gab es für Experimente einen separaten, kleinen Werkraum.
In den ersten zwei Wochen durfte ich mich zuerst in das Thema einlesen. Danach hatte ich genügend Grundwissen, um mich meinem Thema „Sehkorrekturen durch Crosslinking – eine neue Möglichkeit?“ zu widmen: Matlabprogramme entwerfen um Patientendaten zu analysieren, Versuche planen, vorbereiten und durchführen, Ergebnisse interpretieren, usw. Die Arbeit war recht interessant.
Zeitweise kamen auch Studenten von der ETH, die für ihre Bachelor-Arbeit ebenfalls Experimente durchführten, und wir konnten uns gegenseitig etwas unterstützen.
Die Schweizer sind ein freundliches Volk und allzeit zu einem „Grüezi“ bereit. Allerdings, wenn man mit dem Schwitzerdütsch nicht vertraut, kann es anfangs zu leichten Verständnisproblemen kommen. Wer ahnt schon, dass das Handy als „Natel“ bezeichnet wird und „boschde“ für einkaufen steht. Aber nach kurzer Zeit hat man sich als Allgäuerin schnell an diesen Dialekt gewöhnt.
So verstrichen die Tage, meine Experimente hatte ich nahezu abgeschlossen und die meisten Sehenswürdigkeiten besichtigt, kam die Zeit, in der ich mich um eine Stelle für das zweite Praxissemester bemühen musste. Dieses Mal, so dachte ich mir, könnte ich es ruhig ein bisschen weiter in die Ferne wagen, nachdem das erste Praktikum soweit ganz gut geklappt hatte.
Wie sich bei einem weiteren Gespräch mit Herrn Prof. Mrochen herausstellte, verfügte er über gute Beziehungen im Ausland und war so freundlich für mich mit einigen Instituten Kontakt aufzunehmen. Wenig später konnte ich mich entscheiden wohin ich wollte: Tucson (Arizona), Murcia (Spanien) oder Madrid (Spanien). Obwohl mir die USA anfangs am Verlockensten erschien, entschied ich mich schließlich doch für Madrid, da ich dort ein ähnliches Thema bearbeiten konnte, in welches ich mich in den sechs Monaten in der Schweiz schon eingearbeitet hatte. Das gefiel mir.
Gab es nur noch ein nicht ganz zu vernachlässigendes Problem: Ich konnte kein Spanisch! Aber wozu gibt es solche Selbstlernkurse „Spanisch in 30 Tagen“? Schnell das Buch gekauft und angefangen zu pauken. Die Zeitspanne passte, mehr Zeit hatte ich nicht.
Nun fehlte es - wie könnte es auch anders sein - wieder einmal an der Unterkunft. Über Internetbörsen wurde ich schon fündig, aber entweder waren die Wohnungen schon vergeben oder es handelte sich um mysteriöse Anzeigen, die vorab schon eine hohe Kaution verlangten.
Schließlich war mir das Risiko zu hoch und eine nette Mitarbeiterin aus Madrid buchte mir für die erste Nacht ein Zimmer in einer Pension.
Erheblich erleichtert, wenigstens einen sicheren Schlafplatz gefunden zu haben, musste ich nur noch mein Gepäck auf 20 kg (!!) dezimieren und das Abenteuer konnte beginnen.
So startete mein Flieger in Zürich am 3. September 2008 Richtung Madrid Barajas. Auf meinem Schoß stapelten sich die Straßen- und Metropläne und ich suchte nach dem Weg, den ich nach meiner Landung einschlagen wollte.
Etwa zweieinhalb Stunden später war es dann soweit: Meine Füße fassten Grund in der spanischen Hauptstadt. Die Luft war schwül und dämpfig und ich machte mich auf die Suche nach der Metrostation. Dies erwies sich als gewaltiger Irrlauf: irgendwie lief ich ständig im Kreis – bis ich plötzlich erkannte, dass ein nach unten gerichteter Pfeil sowohl „geradeaus“ als auch „nach unten“ bedeuten konnte. Mit dieser Erkenntnis erreichte wenig später endlich die Untergrundbahn.
Nach mehrmaligem Umsteigen war ich einige Zeit später an dem Punkt angelangt, an dem mich meine zukünftige Arbeitskollegin abholen wollte. Nur noch kurz auf dem Handy anrufen und Bescheid geben, dass ich angekommen bin. Dabei erlebte ich schon die nächste Überraschung. Vom anderen Ende erreichte mich ein nicht enden wollender Schwall Spanisch – doch ich verstand kein Wort. Das Tempo war ja viiiiel zu schnell!! Da mir die Sprache wegblieb, folgte schließlich ein zaghaftes „You don’t speak Spanish?“. Naja, zehn Minuten später trafen wir uns trotz leichter Verständigungsprobleme an besagter Metrostation, begrüßten uns mit Küsschen links, Küsschen rechts und machten uns auf den Weg zur Herberge.
Für den nächsten Morgen verabredeten wir uns vor der Herberge. Von hier aus machten wir uns dann gemeinsam auf den Weg ins Institut. Dort angekommen wurde ich gleich von allen Mitarbeitern jeweils mit einem Küsschen links und rechts begrüßt – etwas seltsam diese Art der Begrüßung, aber langsam kam ich in Übung.
Nun widmete ich mich der Zimmersuche - wieder über das Internet - nur mit dem Unterschied, dass ich dieses Mal vor Ort war und mir die Wohnung sofort ansehen konnte. Am Spätnachmittag wurde ich auch fündig: 30 Minuten Fußweg entfernt, das Zimmer winzig (7qm), der Mietpreis Wucher und die beiden Mitbewohner sprachen kaum ein Wort Englisch. Allerdings machten mir meine Arbeitskollegen bewusst, dass ich wohl kaum eine bessere Unterkunft finden würde. In Madrid wird jede Abstellkammer vermietet und verglichen damit sah das Zimmer recht ordentlich aus. Also entschied ich mich dafür und machte mich sogleich daran mein Gepäck aus der Pension hier herzubringen.
Nachdem ich schwer bepackt ewig an der Bushaltestelle gewartet hatte, (hier gibt es keinen Fahrplan, lediglich das grobe Zeitintervall wird angegeben, in dem die Busse kommen sollten - in meinem Fall 15 – 25 Minuten.) wollte mich der Busfahrer mit so viel Gepäck zuerst gar nicht mitnehmen. Zum Glück ließ er sich aber überreden und ich durfte eintreten.
Einen längeren Fußmarsch später (ich bin wohl zwei Haltestellen zu früh ausgestiegen ....) stand ich nun endlich vor meiner Behausung für die nächsten sechs Monate. Jetzt nur noch Gepäck abladen und dann schnell noch zum Einkaufen, denn der Supermarkt schließt um 21 Uhr. Glücklicherweise befand sich dieser in meiner direkten Nachbarschaft, knapp 200m entfernt.
In den nächsten Tagen wurde mir Stück für Stück die ganze Optik-Labore gezeigt und die interessantesten Projektarbeiten vorgestellt. Wie ich schnell feststellte, wurde die Arbeit häufig durch ausgedehnte Kaffeepausen unterbrochen, bei denen sich etwa die halbe Belegschaft vor der Türe versammelte und aktuelle Geschehnisse diskutierte – auf Spanisch.
Dabei wurde mir peinlich bewusst, dass der 30-Tage-Sprachkurs so gut wie keine Erfolge zeigte. Nun gut, ich hörte einfach zu und hoffte wenigstens das Thema herauszufinden, um das es gerade ging. Mit diesen täglichen Hörlektionen, ergänzt durch morgendliches Vokabellernen, verbesserte sich langsam aber sicher mein Verständnis.
Dies erleichterte auch das Zusammenleben in der WG, Einkaufen, … einfach alles. Mit meiner Mitbewohnerin hatte ich in sofern Glück, dass ihr Freund Halbdeutscher war. So konnte ich mich mit ihm von Zeit zu Zeit auf Deutsch unterhalten und ihn bei Bedarf als praktisches deutschspanisch Lexikon benutzen.
Nach Feierabend nutzte ich in den ersten Wochen die freie Zeit, um sämtliche sehenswerten Gebäude, Statuen, Pärke, Stadtviertel, u.ä. zu besichtigen. Dies gab jedem Tag einen schönen Abschluss.
Dabei entdeckte ich auch die ein oder andere Shopping-Meile. Das praktische dabei: Da meist von 14 – 16:30 Uhr Siesta gehalten wird, haben die Läden abends auch länger geöffnet (bis 21:30 Uhr).
Sonntag war Rastro-Tag. Das ist der größte und bekannteste Flohmarkt Spaniens. Händler verkaufen dort ähnlich wie bei einem Bazar Kleidung, Schmuck, Lederwaren, Antiquitäten, Pflanzen, Haushaltswaren, .... Davon konnte ich nicht genug bekommen und verbrachte nahezu jeden Sonntagvormittag auf diesem Markt.
Ansonsten verabredete man sich manchmal am Wochenende vom Institut aus und wir unternahmen Ausflüge zu benachbarten Städten, Wanderungen abseits der Stadt oder man traf sich einfach zum Tapas Essen.
Die Arbeit im Institut machte richtig Spaß. Der Umgang unter den Mitarbeitern ist viel freundschaftlicher, als man es bei uns gewöhnt ist. Auch wurde weniger gestresst. Pünktlich zur Mittagspause legte jeder seine Arbeit nieder und alle machten sich geschlossen auf den Weg zur institutseigenen Kantine. Dort konnte ich mich durch sämtliche spanischen Spezialitäten durchprobieren: Paella, Jamón, Fische und Meeresfrüchte aller Art, Linsen-, Bohnen- und Erbseneintöpfe, Cordero (=Hammelfleisch) und das für Madrid bekannte Cocído („gekochtes“).
Das wichtigste während dem Essen war aber die Unterhaltung. Hier wurden die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht.
Anfang Dezember stand ein wichtiger Termin bevor: Abgabeschluss der Abstracs für einen wichtigen Kongress im Frühling. Da ich schon die ersten Resultate meiner Versuchsreihen in den Händen hielt, wagten wir es diese für ein Abstract aufzubereiten und ebenfalls einzureichen. Die Zeit war knapp, aber zu guter letzt wurden wir gerade noch rechtzeitig fertig. Nun hieß es abwarten bis Mitte Februar. Dort wurde bekannt gegeben, ob der Beitrag für ein Poster oder eine Rede auf dem Kongress zugelassen wird.
Wie sich zeigte, hatte ich Glück: Mein Beitrag wurde als Poster akzeptiert. Das bedeutete, ich darf mit auf den Kongress! Nun gab es jede Menge Arbeit mit Vorbereitungen, damit es schließlich Anfang Mai 2009 losgehen konnte: Ab nach Miami! Eine ganze Woche konnte ich nun Erfahrungen auf dem Kongress sammeln – eine riesige Chance auch neue Kontakte zu knüpfen.
Insgesamt waren wir eine Gruppe von sechs Personen aus dem Institut. Da wir alle unterschiedliche Themen bearbeiteten und unterschiedliche Präsentationstage hatte, waren wir jeden Tag von morgens bis abends in der Kongresshalle und hatten jede Menge Zeit uns die Beiträge der anderen Institute anzusehen. Abends ließen wir den Tag mit einem erfrischenden Bad im Meer ausklingen.
Abschließend zu diesem Praxisjahr möchte ich sagen, dass ich die wertvollen Erfahrungen in beruflicher sowie in gesellschaftlicher Sicht, die ich während dieser Zeit sammeln konnte, auf keinen Fall missen möchte.
Außerdem habe ich die richtige Branche gefunden, in der ich später arbeiten möchte: Medizinische Physik. Das nächste Ziel, das ich vor Augen habe ist eine Promotion in diesem Bereich, auch wenn ich weiß, dass dies für FH-Absolventen nicht ganz einfach wird.
Aber wenn mir etwas bewusst geworden ist, dann: Alles ist machbar – wenn man es wirklich will!
Sabine Kling, 46. Phys. Ing.
Diplomarbeit: „Biomechanical response of normal and cross-linked corneas”
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